Am Satzanfang
Alter. Am Satzende
Alter. Und
dazwischen Alter

Porträt von Sebastian Radtke
... auch Sebastian Radke bekam die Nachricht, zu alt zu sein.

Die Konjugation des Altseins

Ich bin zu alt. Du bist zu alt. Er ist zu alt. Sie ist zu alt. Wir sind zu alt. Ihr seid zu alt. Sie sind zu alt. Bleibt die Frage: Wann ist alt?

Heute? Morgen? Nächste Woche?  Irgendwie ist es schleichend. Aber dann kommt es abrupt: „Du bist zu alt! Sorry. Deinen Job macht ab morgen ein anderer ... Wer sagt so etwas? Was erhebt ihn dazu? Denn Älterwerden ist eine Erfahrung die Jeder von uns macht. Auch der Fingerzeigende. Und was hat ihn geprägt? Persönliche Erfahrungen. Die Medien. Sein Beruf. Erfolgsdruck.

Was wäre die Welt ohne Beleidigungen und Schuldabwälzungen. Die Quote stimmt nicht mehr, das liegt allein an dem ´Alten`, der täglich die Sendung moderiert und uns alle ins Verderben stürzt – er muss weg. Wir heute leben in einer Jugendorientierten doch im Widerspruch dazu alternden Gesellschaft.

„Trau keinem über dreißig“ – so lautete ein Bekenntnis der Jugendgeneration von 1968. „Alt bin ich noch lange nicht!“ – so die Selbsteinschätzung einer 80jährigen Frau heute. Ein Beleg für die Relativität des Altersbegriffes.  So mancher ist mit 31 älter als mit 51. Menschen reifen und altern wohl weniger mit den Lebensjahren, als vielmehr mit ihren Erfahrungen und Erlebnissen.

Ansonsten könnten wir ja ein Lebensmodel konzipieren dem der Science Fiction Film „Flucht ins 23. Jahrhundert“ zugrunde gelegt wird. Dann hätten wir die futuristische Wohlstandsgesellschaft, in der alle Menschen nur bis zum 30. Lebensjahr existieren dürfen ...

Pablo Casals fotografiert von © René Burri
Pablo Casals fotografiert von © René Burri

Dazu die Aussage von Pablo Casals, einem sehr bedeutenden Cellisten:
„Ich habe immer geglaubt, mit achtzig wäre man alt, aber jetzt bin ich anderer Ansicht. Es gibt Zeiten, in denen ich mich wie ein Junge fühle. Solange man imstande ist, zu bewundern und zu lieben, solange ist man jung. Und es gibt soviel zu bewundern und zu lieben!
Ich bin jetzt über dreiundneunzig Jahre alt, also nicht gerade jung, jedenfalls nicht mehr so jung, wie ich mit neunzig war. Aber Alter ist etwas Relatives. Wenn man weiter arbeitet und empfänglich bleibt für die Schönheit der Welt, die uns umgibt, dann entdeckt man, dass das Alter nicht notwendigerweise Altern bedeutet, wenigstens nicht im landläufigen Sinne. Ich empfinde heute viele Dinge intensiver als zuvor, und das Leben fasziniert mich immer mehr.“

Blick aus dem All auf die Erdkugel, die von einer gezeichneten Hand gehalten wird

Ich bin ein Nachdenker. Weltverbesserer. Das aber braucht oft Zeit. Und Gehör. Mitdenker. Was ich mir wünsche? Einen achtsameren Umgang mit dem Wort „alt“. Weniger Stigmatisierung. Mehr Toleranz. Mehr (Nach)Denken.

Ich will, dass Arbeit bis ins hohe Alter dazugehört. Und will nicht, dass 40- oder eben 51-Jährige heute aufs Abstellgleis gestellt werden. Dafür aber (liebe Radio-, Fernseh und Zeitungsmacher) bitte ich Sie aufzuwachen und aufzuhören Altersblödsinn zu verbreiten. Ich bitte aufzuhören, nach Laune Zukunften zu zerstören und plädiere für ein besseres „Age-Management“ und das heißt, dass wir Älterwerden wieder als normal betrachten. Dafür, dass Menschen nicht verbraucht und verschlissen, sondern weiterentwickelt werden.

Ja genau, ich mache gerade Werbung für das Altern!

Denn: „... eines Tages, baby, werden wir alt sein. Oh baby, werden wir alt sein.“ Und zwar wir alle. Also lasst uns unser Leben rocken – mit 20, 30, 40 oder eben 93.

 

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Profilbild von Nicole Frömming

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