Augen in der
Großstadt

Ein Holzschnitt aus dem Designtagebuch: http://art-and-design.net
Ein Holzschnitt aus dem Designtagebuch: http://art-and-design.net

Augen in der (Groß)stadt

Wenn du zur Arbeit gehst

am frühen Morgen,

wenn du am Bahnhof stehst

mit deinen Sorgen:

da zeigt die Stadt

dir asphaltglatt

im Menschentrichter

Millionen Gesichter:

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider -

Was war das? ...

 ...von der großen Menschheit ein Stück!

Vorbei, verweht, nie wieder

(Kurt Tucholsky)

 

Tucholsky schreibt dieses Gedicht ziemlich realitätsnah und authentisch und erschafft so einen Rahmen, in dem sich Jeder leicht wiederfinden kann – und obwohl das Gedicht bereits 1930 geschrieben wurde, ist es aktueller denn je. Fremde Augen - und das Stadtbild verändert sich von Tag zu Tag.

Augen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, Serbien, dem Kosovo, Eritrea, Mazedonien, Pakistan oder Montenegro. Nicht, dass man es zuordnen kann mit einem Blick, aber genau das stellt das Gedicht in die Gegenwart. Täglich neue Gesichter – von der großen Menschheit ein Stück. Doch Zeit und Menschen strömen weiter und ein Blick wird zu einem unter vielen („Vorbei, verweht, nie wieder“) ...

 Ist es nur ein Schritt zur Seite aus der Monotonie und der anonymen Masse? Ein Lächeln? Ein Stehenbleiben? Ein Handreichen? Täglich neue Flüchtlinge, in der Markthalle direkt nebenan. Und wenn ich Flüchtlinge sage, dann meine ich Menschen.

Und was spiegelt sich in ihren Augen wieder? Jetzt, wenn ich schreibe, kann ich darüber nachdenken: Dramatische Ereignisse, Kampf ums Überleben, Verzweiflung, das „endlich in Sicherheit sein“, die Suche nach einem Neuanfang, den Blick nach vorn, Sehnsucht und manchmal auch Heimweh. Wenn ich am Bootshafen entlang gehe, dann bleibt mein Gegenüber ein anonymes Neutrum. Aber das hat ja nichts mit Flüchtlingen zu tun, das ergeht uns doch täglich im immer wiederkehrenden Kreislauf mit allen anderen ganz genauso. Begegnungen erhalten viel zu selten eine Chance.

 Eine Erfahrung, die Jeder von uns schon gemacht hat. Meist denken wir gar nicht darüber nach: Die Flüchtigkeit der Begegnung mit anderen, die reduziert ist auf einen Blick. Man muss weiter, bevor man von ihnen mehr als die Augen wahrgenommen hat. Man bewegt sich in der Masse, ist selbst ein Teil von ihr, und kann immer nur für einen Augenblick innehalten ... Orte ohne Unterbrechung und Stillstand oder gar das Leben?

 

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Profilbild von Nicole Frömming

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